19. Januar 2018

Was letztes Jahr nicht mehr ging, das muss halt im Januar dran. Im Grunde nicht viel anders, als jeden Tag: Was du heute kannst verschieben, das bleibt wohl auch morgen liegen (siehe Prokrastrination / Januar 2015). Aber jetzt habe ich zugepackt. Drei volle Plastikkübel voll Bücher habe ich abtransportiert.

Mindestens die dreifache Menge wäre noch zu entsorgen. Wie aber entsorgt jemand Bücher, der diese Druckerzeugnisse über alles liebt? Noch dazu solche Bücher, die noch gar nicht richtig gelesen wurden. Bei meiner Durchsicht kam ich auf Titel, die ich sofort auf die Liste «Jetzt aber lesen» setzen musste. Zum Beispiel das schmale Bändchen «An Deutschlands Jugend» von Walther Rathenau (1918). Oder «Das Handbuch des Aufsteigers» von Maurice Joly 1868 bei Amyot in Paris anonym verlegt. Und Lewis Wolpert «Unglaubliche Wissenschaft» (Eichborn 2004).

Bücher aus der Sammlung des Ghostwriters

Was behalten, was wegwerfen. Welches Buch werde ich vermissen, welches sofort vergessen?



Ich werde mich Ende 2018 noch einmal zu diesen Vorsätzen äußern… Hängengeblieben und wirklich nicht trennen konnte ich mich von Marshall Mc Luhans «Das Medium ist Massage», die merkwürdige Übersetzung von «The medium is the message». Dieses kleine Ullstein-Taschenbuch hat mich seit den sechziger Jahren begleitet. Weil es so wild gestaltet ist, und weil es dir auf jeder Doppelseite wieder genial einfache Erkenntnisse um die Ohren haut.

Wie zum Beispiel von John Cage, dem Komponisten: «Man muß unbeteiligt sein und akzeptieren, dass ein Ton ein Ton und ein Mensch ein Mensch ist, und alle Illusionen betreffend Gestaltungsvorstellungen, Gefühlsausdrücke und alles übrige ererbte Gewäsch über Ästhetik aufgeben.» – Das ist auch beim Schreiben ein guter Anfang: mal alles vom Schreibtisch wischen und bei «Null» anfangen. Und dann den nächsten Satz von Cage goutieren: «Jedermann sitzt auf dem besten Platz».

Ghostwriters Exemplan The medium is the message
Das Taschenbüchlein von Marshall McLuhan überrascht wieder und wieder. «Die Sache ist die: Wir müssen mit den Lebenden leben». Zitat Montaigne.

Apropos Platz: Natürlich hat auch die «Bücher-Brocki AG» nicht unendlich Platz. Dort habe ich meine Kisten abgeliefert. Hunderttausende von Büchern vom Boden bis zur Decke sind in engsten Regalgängen verstaut. Wenn ich im Vorbeigehen beobachte, was da kostenlos angeliefert wird, wie bereits aussortiert wird, kann einem ganz schwindlig werden. Und trotzdem bleibt noch genug im Angebot, das dann für durchschnittlich 2 bis 10 Franken wieder verkauft wird. Ein geniales Geschäftsmodell: kostenloser Rohstoff bei niedrigen Betriebskosten mit möglichst breitem Abverkauf (man rechne…).

Bücher-Brocki_Luzern

Das beste Geschäftsmodell: kostenloser Rohstoff – wertvoller Lesestoff


Einen Blick in die Abteilung «Biografien» wollte ich noch werfen. Lustig, wie oft «Mein Leben» zu finden ist. Auch das schlichte «ICH» wird mehrfach wiederholt. Da sticht ein Buch natürlich besonders heraus, das den Titel «Ich nicht» trägt. Egal welches Buch du in die Finger nimmst – und welches nicht –, es bleibt unbestritten: Bücher verändern die Welt. Sie verändern das Bewusstsein, selbst wenn es nur im Familienkreis geschieht, mit einer Chronik oder der ganz spezifischen Lebensgeschichte eines einzelnen Familienmitglieds.

Die Nachfahren werden irgendwann ermüdet sein vom Fingerwischen über Tablets und Smartphones. Und dann im Nachlass stöbern und große Augen machen: «Oh, ein Buch! Oh, das handelt sogar von unserem Großvater!».

Ich-Biografien aus dem Bücher-Brocki Luzern

Der nächste Titel für Ihre Biografie: «Bis zuletzt auf dem besten Platz»




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