5. September 2016

Eigentlich ist das alles längst überholt: Weder das Januar- noch das Sommerloch, wie auch das Loch-Ness – zumindest das was drin sein soll –, all das gibt es bekanntlich gar nicht mehr.

Bei uns in der Schweiz hingegen präsentierte sich Anfang Sommer 2016 das größte Loch in der Geschichte des Alpenlandes.

Der Gotthard-Eisenbahntunnel wurde eröffnet. Mit viel Pomp und gebührender internationaler Prominenz. Schließlich ist der Tunnel mit 57 Kilometern der längste der Welt.

Am Anfang der 17-jährigen Baugeschichte dieses Riesenprojektes hatte ich Gelegenheit, ziemlich weit in das Felsenloch hineinzufahren. Das frisch umbenannte Unternehmen Holcim war einer der Hauptlieferanten des speziellen Spritzbetons bzw. der Tübbinge und weiterer Beton-Fertigteile.

Als freier Mitarbeiter für den Geschäftsbericht und andere Publikationen dieses Weltkonzerns wurde ich durch den tropfenden, nahezu menschenleeren Schlund bis zum riesigen Bohrkopf geführt. Auch in Seitenarme, die später als Flucht- und Service-Stollen dienen sollten.

Die Wärme, die Feuchtigkeit und die Mächtigkeit des Felsmassives über meinem Kopf sorgten für stummes Staunen und für tiefes Aufatmen, als ich wieder draussen war.


Der Bohrkopf des Gotthard-Tunnel-Baus vor dem Verkehrshaus Luzern

Einer der Bohrköpfe vom Gotthard-Tunnel-Bau vor einer Fotografie an der Fassade des Verkehrshauses Luzern



Es war nicht mein erster Besuch in einem grossen Loch. Mitte der Neunzigerjahre war ich an einem Fotoshooting im Vereinatunnel beteiligt. Die armen Mitarbeiter standen stundenlang als Fotomodelle fast im Dunkeln und mussten vor dem Fotografen gute Laune üben.

In der Zwischenzeit war ich zu Fuss nach draussen gegangen und hatte Verpflegung geholt: Pizza und Getränke. Beim Zurückkommen war ebenfalls ein Aufatmen zu spüren.

Nicht so beim Fotografen, der mich wütend zurecht wies. Gerade jetzt hätten die Leute genau die richtige Lockerheit gehabt (nach gefühlten 90 Minuten Herumstehens …)


Der Vereinatunnel aus einem Geschäftsbericht von Holcim Schweiz

Die stolzen und glücklichen Mitarbeiter von Holcim, in Erwartung einer Pizza



Es ist wohl richtig: die Löcher durch all die vielen Berge und Hügel machen die Schweiz zu etwas Besonderem. Ich stelle mir vor, wie irgendwann in fernen Zeiten, wenn durch utopisch neue Logistik-Technologien alle Tunnel überflüssig geworden sind, sich die Natur die langen Rohren aneignet.

Vielleicht wandert der tibetische Pfeif-Hase ein, weil es ihm auf 6000 Metern zu kalt wird. Vielleicht mutiert er hier in einen Riesenhasen, für den die Tunnellöcher gerade richtig sind.

Jetzt geht mir aber irgendwie der Hase durch. Vermutlich, weil mir vor lauter Erinnerungen an früher ein goldener Hase in den Sinn gekommen ist. Der wurde mir in den Neunzigerjahren verliehen. Von der Zeitschrift «Hochparterre». Deren Redaktoren hatten damals Hotelprospekte prämiiert.

Oder hoppelte mir die Phantasie davon, weil ich kürzlich in der Albertina in Wien einen goldenen «Dürer-Hasen» im Arm halten durfte. – Wie auch immer, am Ende dieses Beitrags bleibt der Beweis: alle Löcher lassen sich stopfen. Sogar das Sommerloch.


Helmut W. Rodenhausen in der Albertina Wien mit einem Dürer-Hasen

Der stolze Ghostwriter mit einem goldenen Hasen am Ende des Sommerlochs

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