20. August 2017


Es ist im Grunde schon etwas spät, jetzt noch auf den 1. August, den Schweizer Nationalfeiertag, zurückzukommen. Ich hätte das Thema auch nicht erneut aufgegriffen (> siehe «Erneut nur warme Luft»), wenn nicht drei Zufälle aufs Mal zusammengekommen wären.

Erstens hatte ich während ein paar Ferientagen im Val Mustair entdeckt, dass genau hier, in Mustair, ein prominenter Politiker und noch prominenterer Rhetoriker die offizielle Rede halten würde: Christoph Blocher.

Als Ghostwriter und eben auch Redenschreiber hatte ich ihn noch nie live erlebt. Ihn, der zweifelsohne, egal ob man seine Politik und seine Art mag oder nicht, in Sachen Rhetorik eine Ausnahmeerscheinung ist. Zumindest in der Schweiz.


Christoph Blocher in Mustair 1.August 2017

Christoph Blocher wie er leibt und lebt, mit typischer Gestik und typischer Körperhaltung

Seine Rede in Mustair hatte nicht mehr die gleiche Glut und das gleich grosse innere Feuer wie seine früheren Reden als Bundesratskandidat und auch als Bundesrat. Unbestreitbar war in Mustair auf den harten Festbänken jedoch: er kam an.

Die ersten zwei, drei Begrüssungssätze sprach er im typischen heimischen Dialekt. Es gab bei meinen Sitznachbarn Schmunzeln, Beifall und auch ein paar Witze darüber, dass man deutlich höre, wie wenig sich der Redner in dieser Sprache auskenne. Aber «er hatte seine Zuhörerschaft im Sack», wie man zu sagen pflegt. Von den ersten Minuten an waren sie in seinem Bann.

Der zweite Zufall war der, dass Christoph Blocher und seine Gattin im gleichen Hotel frühstückten wie wir. Ich kam danach kurz mit ihm ins Gespräch, gratulierte ihm auch für seinen Erfolg. Eifrig bestätigte er mir, was ich von meinen eigenen Redenerfahrungen weiss. Es komme darauf an, das Publikum über das Herz zu erreichen, die Leute anzuschauen, sie spüren zu lassen, dass man zu ihnen und nur zu ihnen spricht. Was der Kopf dann bringe, der Intellekt, das sei dann eher zweitrangig. 


Christoph Blocher am 1. August 2017 in Mustair

Es ist schon außergewöhnlich: Blocher zwischen dem Bündner Steinbock und Karl dem Großen in Mustair

Er verriet mir nicht, was er denn in den wenigen Sätzen des «Vallader», des heimischen Mustairer Idioms, zu Beginn seiner Rede tatsächlich gesagt habe. Er wich aus und meinte, dass er immer unterschieden habe zwischen «Gesagtem» und «Freigegebenem», also in allen Pressemitteilungen oder Redenskripten auf die authentischen, mündlichen Formulierungen verwies. Er spreche ohnehin selten genau nach Manuskript.

Soweit so gut. Was aber ist denn nun der dritte Zufall? Es ist kein echter, sondern eher eine überraschende Wendung. Ich suchte auf dem Internet nach einer E-Mail-Adresse von Christoph Blocher. Das ist bei ihm gar kein Problem, da er auf seiner eigenen Website ausdrücklich einen Kontaktbutton anbietet. Den nutzte ich und schrieb ihm noch einmal meine Bitte, die wenigen Eingangszeilen übersetzt lesen zu können.

Zwei Wochen passierte nichts. Und ich war in meinem Vorurteil bestätigt, dass das ganze volksnahe Getue nur ein PR-Trick sei. Dann jedoch kam tatsächlich eine persönliche Antwort. Leider mit der wiederholten Erklärung: keine schriftlichen Angaben über eine mündliche Rede. Er hat Stil, das muss man ihm lassen. Und das muss nicht jedermanns Stil sein. Das kann man auch so stehen lassen.


Die ersten Sätze von Christoph Blocher in Mustair

Christoph Blocher mit seinen speziellen Vallader-Einstiegssätzen