26. Juni 2017

Wenn ich jemandem erzähle, ich hätte für mich gerade einen neuen Künstler entdeckt, erhalte ich oft ein müdes Lächeln. Ach, der Igor Imbrankjevic, der hatte seine beste Zeit in den Siebzigern.

Das hindert mich nicht daran, jetzt für Robert Wilson zu schwärmen. In Varese, in der Villa Panza, war ich zufällig auf ihn gestossen. Giuseppe Panza di Biumo war ein Sammler, der 2010 verstarb. Er verstand sich hauptsächlich auf amerikanische Gegenwartskunst. Und: er kannte viele davon persönlich, Lichtenstein, Rauschenberg, Ryman – und auch Robert Wilson.


Meg Webster in der Villa Panza in Varese

Im Innenhof der palastartigen Villa ist ein Objekt der Amerikanerin Meg Webster montiert. Ein konischer Behälter in einer kaum möglichen Balance auf die Spitze gestellt. Bis zum Rand mit Wasser gefüllt.


Die Villa und viele seiner gesammelten Kunstobjekte hatte der italienische Graf einer Stiftung übergeben, der «FAI Fondazione Ambiente Italiano». Unter dem Titel «Robert Wilson for Villa Panza – Tales» haben die Stiftung und Robert Wilson zu Ehren Panzas eine Ausstellung inszeniert.

Wilson bespielte die Räume mit grossen Kästen, die zunächst wie Leuchtplakate ohne Text aussahen. Bis ich mich auf die besondere Atmosphäre einliess. Bis ich wahrhnahm, dass das Mobiliar, die Objekte, die Musik und die Helligkeit in den Räumen genau ausgesucht, genau plaziert und in einer Beziehung mit den «Leuchtplakaten» standen. Alles war darauf angelegt, den Betrachter in eine andere Frequenz zu versetzen.


Gao Xingjian in der Villa Panza in Varese

In einem der Räume wird der chinesische Künstler und Literaturnobelpreisträger Gao Xingjian gewürdigt. Auf seinem Gesicht erscheint die Schrift: «La solitude est une condition necessaire de la liberté», dann blickt er auf, als erwache er aus tiefer Kontemplation.

Erst nach einiger Zeit realisierte ich die Geschichten. Es waren keine Fotos, es waren Videos, extrem minimalisiert. Brad Pitt, unter einer Dusche, «feuerte» eine Wasserpistole ab, in einer unglaublich langsamen Bewegungsfolge, mit nahezu unbeweglichem Gesichtsausdruck. Lady Gaga, inszeniert nach dem Gemälde von Jacques Louis David «Die Ermordung Marats» wendet nach Minuten der Bewegungslosigkeit den Kopf, schlägt die Augen auf und sieht den Betrachter an.


Eine italienische Tierfabel von Robert Wilson inszeniert

Ein Raum ist einer italienischen Fabel gewidmet. Ein Wolf, ein Fuchs, ein Lamm. Eine dichte, erzählerische Ruhe und Spannung baut sich hier auf.

Als ich später Robert Wilson in einem Video-Interview sah und hörte, wie er rezitierte «Ohne Licht kein Raum», war es für mich wie ein Blitzschlag. Ich erinnerte mich an eine Ausstellung, die mich ähnlich tief beeindruckte. Es war 1979 in der Hamburger Kunsthalle. Der Titel «Inszenierte Räume». Das heute abgelutschte Modewort «Entschleunigung» gab es damals noch nicht. Aber die Wirkung war: neue Sichtweisen durch verlangsamte Wahrnehmung.

Vor zwei Jahren arbeitete ich an einem Buch, für das ich etliche Interviews durchführte. Eines davon fand im Haus eines Schweizer Kunstsammlers statt, der ebenfalls enge Beziehungen zu den Künstlern pflegt, deren Werke er sammelt. Er sagte: «Kunst hat ja auch die Aufgabe, uns immer ein wenig aus dem Stuhl herauszuheben. Ein wenig weg vom Eingefahrenen – etwas Neues, eben etwas Kreatives zu erkennen und sich damit auseinanderzusetzen. Doch, ich glaube, das prägt.»


Die Villa Panza in Varese. Im Park entdeckt man zeitgenössische Skulpturen

Die Villa Panza in Varese ist jederzeit einen Besuch wert. Und sei es nur für den weitläufigen Park, in dem man natürlich auch auf Objekte der Gegenwartskunst stösst.


Beim Hinaustreten aus den Räumen in den Park überwältigte mich die Natur. Doch genau das liess mich darüber nachdenken, dass man das Leben mehr als Theater begreifen sollte. Man sollte selbst mehr Inszenierungen erarbeiten. Jeder sollte in sich den eigenen Regisseur fördern und mitbestimmen lassen.



Robert Wilson im Park der Villa Panza in Varese

Direkt vor der grossen Villa hat Robert Wilson ein unscheinbares, schmales, nicht bewohnbares Häuschen errichtet. Foto © Sergio Tenderini / 2016 FAI

Das Haus zu Ehren von Rainer Maria Rilke

Darin ein Tisch, ein Stuhl, ein riesengrosses Buch – und ein modellierter Arm des Grafen Panza. So, als wolle er gerade den Kopf aufstützen. Eine Referenz an die literarische Vorliebe des Verstorbenen: «Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter». Foto © Sergio Tenderini / 2016 FAI