21. November 2021

 

Die fixierte Sichtweise: Handydaten, Covid-Inzidenz-Zahlen, Argumente der Angepassten, Gegenargumente der «Querdenker», steigende Zahlen hier, steigende Emotionen da.

Die distanziertere Sichtweise: ein Herbst mit unglaublicher Strahlkraft. Eine Präsenz in der Natur, die schier in den eigenen Zellen spürbar ist.

Seit einiger Zeit «beobachte» ich eine alte Eiche. Beobachten – darum die Anführungszeichen – ist das falsche Wort. Ich besuche sie, die Eiche, ihn, den Baum. Immer wieder erstaunt mich die Vielseitigkeit, sowohl im Äußeren als auch im Inneren des Baumes. Gut, ich kann nicht unter die Rinde in das Mark sehen. Aber ich achte auf Veränderungen. Am markantesten dabei ist natürlich die Belaubung.


Klus bei Aesch, ein altes Weinbaugebiet

Eine Eiche wie viele, könnte man meinen. Es gibt nur eine, genau wie sie. Wie bei den Menschen  / © Helmut W.Rodenhausen

 

Genauso interessant ist die Struktur, bzw. das Wachstum dieses über hundert Jahre alten Baumes. Es ergeben sich andere Sichtweisen, weil jede Himmels- und Windrichtung den Baum in seiner Gestalt verändert haben. Fotografiere ich in Richtung Schwarzwald habe ich ein anderes Bild als wenn ich Richtung Vogesen fotografiere.

Andere Standpunkte – andere Ansichten. Genau wie gegenwärtig in diesen aufgeheizten Covid-Diskussionen. Und trotzdem geht es allen ums Gleiche: ein gesundes Leben. Wobei die einen darunter das gegenwärtige Sein verstehen und die anderen sich hauptsächlich auf Wachstum konzentrieren – oder den Verlust von Wachstum…


Klus bei Aesch, ein altes Weinbaugebiet

In jeder Jahreszeit findet ein anderer Austausch statt. Immer aber als Teil eines umfassenden Systems  / © Helmut W.Rodenhausen

 

Es sollte eigentlich klar werden, wenn man so einen Baum immer wieder betrachtet: permanentes Wachstum in immer aufsteigender Kurve kann es nicht geben. Irgendwann tritt eine Veränderung ein, ein – meist langsames – Absterben. Um dann ein neues Keimen zu ermöglichen.

Wenn so ein Baum dann «gestorben» ist, hat er Tausende von Tonnen Kohlenstoff gespeichert, hat sie in der Photosynthese umgewandelt und Hunderten Menschen täglich Sauerstoff zum Atmen geschenkt. Der Menschheit insgesamt zugleich zum Wachstum verholfen. Das wäre eine Win-Win-Situation. – Wäre…

 

Steinmännchen wieder neu

Wie gross muss die Wurzelkraft sein, um eine solche Aststruktur in der Balance zu halten? / © Helmut W.Rodenhausen

 

Es bleibt ein Wunder, das Leben. Wenn wir Menschen das vergessen, nur um alles in kleinsten Einzelheiten manipulieren zu können – für das «Wachstum» –, dann stirbt nicht allein der Glaube an Wunder oder an das Wunderbare des Seins.

Bei meiner Arbeit am Buch über Holzkohle habe ich mich infiziert. Nicht an Covid 19 und auch an keiner anderen «Krankheit». Der Virus «Qualität» / «Lebensqualität» / «Dankbarkeit» hat sich in mir eingenistet und zu wirken begonnen.

Und mit jedem Besuch bei «meiner» Eiche verstärkt sich diese «Krankheit» – die ja eigentlich eine «Gesundheit» wäre. Da stellt sich die provokante Frage: Kann ein Virus zu Gesundheit führen.

 

Klus bei Aesch, ein altes Weinbaugebiet

Ob es für diesen Baum einen nächsten Frühling gibt, das wird durch uns mitbestimmt / © Helmut W.Rodenhausen

 

Es wäre zu wünschen, dass diese gegenwärtige Reibung, teilweise Radikalisierung, zu neuer Gesundheit führt. Die positiven Aussagen und Aktivitäten von Jungen machen Hoffnung.

Gleichzeitig sind viele ältere Menschen sensibler geworden. Sie können rückblickend erkennen, wieviele Ereignisse in ihrem Leben stattgefunden haben, die hellhörig gemacht haben – oder es hätten machen sollen. Nur schon alle durch Chemie ausgelöste Explosionen und Vergiftungen: 1976 Seveso / 1984 Bhopal / 2015 Tianjin / 2020 Beirut und naheliegend: Schweizerhalle 1986.

Es gibt aus den Erfahrungen der Ü70-Generation viel zu lernen. Und es gibt viel persönlich Erlebtes, das für die Nachkommen – besonders in der eigenen Familie – wegweisend sein kann.

 

Restaurant Blume kurz vor dem Abbruch

Einige der Bücher und Publikationen, welche nicht für den Verkauf bestimmt waren  / © Helmut W.Rodenhausen

 

Ich habe in den letzten 20 Jahren etliche Biografien mitverfasst, begleitet und dazu verholfen, dass sie realisiert werden konnten.

Schreibend die eigenen Werte zusammenzufassen, ihre Entstehung und die Begleitumstände aufzufächern, hinzuweisen auf wenig Beachtetes: das alles könnte mit dazu beitragen, dass die menschliche Zivilisation nicht durch «permanentes Wachstum» implodiert. – Kaufen Sie ein Notizbuch, nehmen Sie sich Zeit – und rufen Sie einfach an, wenn Sie nicht mehr weiter wissen.

Und: Es muss auch in Zukunft alte Eichen – und andere Bäume – geben, die neue Blickwinkel ermöglichen und neue Einsichten auslösen.

 

 

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