5. November 2020

Es ist schon etliche Jahrzehnte her, als ich den Spruch «Bäume sterben aufrecht» zum ersten Mal hörte. Es war bei einem Beratungsgespräch am Telefon für die Dargebotene Hand. – Es sei ein indianischer Mythos, erklärte mir die  nächtliche Anruferin. Ihr weiteres Schicksal habe ich leider nie erfahren können...

Aber das geflügelte Wort ist mir geblieben. Und kürzlich begegnete es mir erneut. Irgendwo im Zusammenhang mit den Themen Waldsterben und Waldbränden. Da begann es mich zu interessieren. Vorab: Nein, Bäume sterben nicht aufrecht.

Bäume haben eine unglaubliche Strategie des Weiterlebens. Es kann der Blitz einschlagen, die Hälfte des Stammes aufspalten – und dennoch grünt es in der Krone. Andere Bäume bilden wulstige Narben um eine ehemalige mechanische oder biologische Verletzung herum.

Esche mit Blitzeinschlag

Eine grünende Esche mit vom Blitz gespaltenem Stamm. Bild © HWR


Bäume, und das bleibt ein faszinierendes Rätsel, kommunizieren auf feinste Art miteinander, durch Düfte und wahrscheinlich auch über symbiotische Pilze im Wurzelgeflecht. Bäume, so haben Forscher herausgefunden, betreiben sogar eine Art Brutpflege.

Schon 1995 vermutete Professor Kurt Zukrigl von der Universität für Bodenkultur in Wien «Es wäre denkbar, daß im Urwald Wurzeln jener "alten Jungbäumchen" mit denen herrschender Bäume verwachsen sind, die sie so miternähren (…), eine Hypothese einer Art Brutpflege bei Bäumen.»

Und da stellt sich die Frage, wie lange können sie das, wann sind sie zu alt, wann sind sie bereits tot. So grausam es für uns Menschen tönen mag: selbst Bäume, die einem Brand zum Opfer fallen, leben teilweise weiter.

Brandrodung im Amazonas-Gebiet

Illegale Brandrodung in Brasilien. Bild © Mauri Rautkari/Ekokuva Oy / WWF-Switzerland

Es ist der Mensch, nicht nur in Brasilien, der den Wald tötet, indem er Flächen für die Ausbeutung für Bodenschätze freiräumt und «Kulturland» für riesige Plantagen plattwalzt (die Bedrohung durch menschengemachte Umweltveränderung kommt noch dazu).

Bäume sterben eigentlich nicht. Sie knicken irgendwann ein, weil die Kraft und der Widerstand fehlt, um gegen Pilze, Käfer und andere Lebewesen aufrecht zu bleiben. Der Sterbeprozess der Bäume, ob als stehendes oder liegendes «Totholz» ist ein kontinuierlicher Übergang in andere organische Zustände.

Sterbende Ulme mit Moosbewuchs

Eine von Flechten und Moosen «okkupierte» Ulme im Schwarzwald. Bild © HWR


Linde mit Rindenverwachsung

Eine von Stadtgärtnern gepflegte Linde an einer Uferpromenade. Bild © HWR


Totholz Obstbaum

Stehendes Totholz in einer Landwirtschaftszone. Bild © HWR

Und da kommen moderne Theorien – und praktische Anwendungen für uns Menschen – ins Spiel. Ausgehend von der sogenannten Bionik, in der man der Natur «genauer auf die Finger schaut», um neue technische Verfahren zu entwickeln, kam Ende des letzten Jahrhunderts das Schlagwort «cradle to cradle» in Umlauf.

Der von den beiden Wissenschaftlern William McDonough und Michael Braungart geprägte bzw. verbreitete Begriff stimmt gedanklich mit dem Leben und Sterben der Bäume überein.
Vom «Ursprung zum Ursprung» ist ein ganz anderes Lebens- und Überlebenskonzept als «von der Wiege bis zur Bahre».

Konkret bedeutet es für das Design und die Produktion von Gütern, dass ihr Lebenszyklus nicht beim Entsorgen, Verschrotten und klassischen Wiederaufbereiten aufhört.
Es geht um die tatsächliche Wieder- und Weiterverwendung von Bestandteilen in anderen Produkten oder anderen Beziehungen.

Und dieser Gedanke wird bereits in den ersten Phasen einer Produktentwicklung strategisch eingeplant. Lesenswert dazu ist das Büchlein mit dem wunderbaren Titel «Intelligente Verschwendung», das 2013 im oekonom-Verlag erschienen ist.

Neuer Baumsprössling / Mäuseschädel

Wachsen und Sterben greifen in der Natur direkt ineinander. Bild © HWR

Dann habe ich noch eine ganz andere Fortsetzung gefunden zu diesem «Bäume sterben aufrecht»: Rodriguez Álvarez, ein spanischer Autor (1903-1965) hatte ein satirisches Bühnenstück mit diesem Titel geschrieben (Uraufführung 1949).

Darin geht es um eine Art «Mafia» des Guten, eine Untergrundorganisation, die mit grossen finanziellen Mitteln allen Einwohnern der Stadt psychologische und empathische Lebenshilfe angedeihen lässt.

Wie jede gute Satire enthält dieses Stück, aus distanziertem Blickwinkel betrachtet, auch einen Appell: zum Überdenken von Lebenszyklen.

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