12. Juni 2021

 

Manchmal ist der Zufall – und das aufmerksame Beobachten – ein guter Lehrer. Ein paar Steine, die auf verschiedensten Wanderungen und Reisen auf einem Regal in meinem Büro landeten, sollten aussortiert werden.

Vier blieben übrig. Und in einem Anfall von Prokastrintation und Suche nach Muse begann ich, die Steine in Balance zu bringen: zu einem Steinmännchen. –

Das für mich Unwahrscheinliche gelang. Noch dazu mit einem flachen, glatten Steinchen zu oberst.


Steinmännchen am Abend

Fast so befriedigend wie ein fertiges Redenmanuskript nach mehrtägigem Redigieren  / © Helmut W.Rodenhausen

 

Beim Betrachten des kleinen Objektes kamen mir Assoziationen. Auch beim Schreiben geht es um verschiedene Schwerpunkte, um Balance und Ausgewogenheit und um ein spannendes Schlussbild.

Selbst der Schreibprozess braucht das dauernde Ausprobieren von Gleichgewicht, Vermeiden von Langeweile und die enge Beziehung von einzelnen Gedankensträngen.

Dann brachte mich die Natur auf eine weitere Fährte. «Nichts ist immer!» Was heute noch Gültigkeit hat, ist morgen völlig neu zu bewerten.

Das Steinmännchen, das einige Tage auf der Tischplatte auf dem Balkon in die Welt guckte, war verschwunden. Ein Hagelschauer mit ziemlich heftigen Windböen liess drei einzelne Brocken und ein Steinchen ohne jeglichen Bezug zurück.


Steinmännchen nach Gewitter

Zurück auf Feld 1: Wie beim Schreiben, wenn ein Konzept zu locker angegangen wurde  / © Helmut W.Rodenhausen

 

Ob es um eine Rede, ein Editorial oder ein Buch geht: Selten gelingt es, mit dem ersten Anfang auch geradewegs zum fulminanten Schluss zu kommen. Das Scheitern einer Idee, eines Kapitels, eines Textüberganges gehört selbst für jene Schreiber dazu, die schon Jahrzehnte nichts Anderes getan haben.

«Ein Könner ist ein Meister, der übt». Also übte ich wieder mit meinen Steinchen und begann von vorne.

Wieder überkam mich ein kleines Glücksgefühl, weil der letzte, der senkrecht stehende Kieselstein wie von selbst an seinen Platz kam – und schnell seine Balance fand.

 

Steinmännchen wieder neu

Immer wieder von vorne beginnen, immer wieder üben – immer wieder Neues kreieren
/ © Helmut W.Rodenhausen

Das Steinmännchen wird mich hoffentlich weiterhin noch Vieles lehren. Denn was das Leben – und die Arbeit – wirklich reizvoll macht, ist nicht das Runterrattern von auswendig Angelerntem, sondern die Suche nach Steigerungen und Variationen.

Bis ich mich an ein wirklich vielstöckiges Steinmännchen wage, wird es noch eine Weile dauern. Aber für einen längeren Text, eine neue Rede und auch ein biografisches Buchprojekt bin ich immer zu haben.

 

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