24. September 2022

Im Laufe der Zeit haben sich etliche Bücher bei mir im Regal angesammelt. Das ist normal, aber es macht ein wenig stolz, wenn es Bücher sind, die man selbst realisiert hat. Dazu jene, an denen ich maßgeblich mitgearbeitet habe. Ob als Buchcoach von der ersten Idee bis zur letzten Buchbinderarbeit, oder «nur» als Ghostwriter.

Eigene Publikationen waren es nur fünf, wobei das letzte – «Holzkohle…» – mehr als zwei Jahre in Anspruch nahm. – Plötzlich kamen mir jene Bücher in den Sinn, welche nicht realisiert wurden; und warum. Erinnerungen, Tatsachen und erhoffte Entwicklungen vermischen sich da manchmal.
 

Ein ganz gewöhnlicher Zitronenfalter

Nicht geschriebene Bücher sind wie Schmetterlinge; sie bleiben meist unfassbar und tauchen manchmal irgendwo auf © HWR

 

Wenn ich die ungeschriebenen Bücher mit Schmetterlingen vergleiche, dann sehe ich beim Zitronenfalter eine bestimmte Auftraggeberin – oder «Halb-Auftraggeberin». Bei ihrem Thema wäre es um das eigene Selbst gegangen, die «innere, reine Stimme». Nach einem Jahr, mehreren Sitzungen und Skizzen ließ sie verlauten, dass sie nun eine weitere Ausbildung begonnen und deshalb keine Ressourcen mehr habe. – Zitronenfalter überwintern übrigens als Falter, mit einem Glycerin als Frostschutzmittel...

 

Ein Schmetterling, wie ein Starlet auf einem roten Teppich

Der Schwalbenschwanz ist ein wirklich schillernder Geselle, der sich gerne in Szene zu setzen scheint © HWR

 

Vor etwa acht Jahren kam ich mit einem hoch betagten Erfinder/Konstrukteur in Kontakt. Kettenraucher, Biertrinker, mit einem unglaublich vielschichtigen Gespür – auch für den eigenen Auftritt. Er war in der Hitlerzeit, noch als halbes Kind, an die Front geschickt worden. Kaum richtige Schulbildung, kaum Chancen, doch dann hat er mit einer Kunststoff-Entwicklung ein Vermögen gemacht.

Bevor seine Biografie richtig skizziert war, verabschiedete er sich (ohne Exit, aber mit der gleichen Methode). Zwei Tage zuvor erklärte er es mir und wünschte, noch einmal Kaviar zu essen. Ein unvergessliches Bild. Ich besorgte ein Glas, wir löffelten zusammen, er liegend und schwach, ich daneben auf einem harten Hocker… Er hatte glänzende Augen und beim Sprechen klebte ein Kaviarkügelchen an seinen Lippen.
 

Leicht verletzter Schmetterling

Der weiße Waldportier sieht etwas mitgenommen aus. Er hat weite Flüge aus dem Mittelmeerraum hinter sich © HWR

 

Ein witeres nicht geschriebenes Buch – aber noch nicht ganz «abgeschrieben» – betrifft eine nun über neunzigjährige Frau. Auch sie hatte im Krieg mehr erlitten als manche Menschen im ganzen Leben: Tod der Mutter, Vater irgendwo in Hitlers Armee, das Elternhaus von den Russen zerbombt.

In ihrem Fachgebiet wurde sie zur weltweiten Pionierin. Mit unerbittlicher Zähigkeit ging sie ihren Weg, der sie fast auf alle Kontinente führte. Vielleicht entsteht nach ihrem Tod einmal ein Roman. Denn die eigentlichen persönlichen Beziehungen, über die mochte sie kaum reden. Ihre beruflichen Leistungen aber sind herausragend…

Nur kurz gesehen, diesen Schmetterling

Der Admiral, ein Wanderfalter aus dem Süden, auch ein häufig anzutreffender Geselle © HWR

 

Es gibt Buchideen, die wandern. Denn einmal kommt ein alter Freund und spricht von einem «nie richtig bearbeiteten Thema». Dann kommt einige Zeit später der Anruf eines Unbekannten: mit genau dem gleichen Thema. Und beiden muss ich absagen, weil es das «einzigartige Buch» mit diesem seltenen Thema, doch schon gibt. – Enttäuschungen auf allen Seiten.

Dann kommen Anfragen, die einfach zeitlich von mir nicht wahrgenommen werden können. Bei einem Projekt – ein Fotograf, der hauptsächlich im Mondlicht fotografiert – hoffe ich noch immer, dass er sich wieder meldet. Denn, so hatte ich erfahren, er musste sein Vorhaben verschieben, weil gesundheitliche Herausforderungen dringender wurden.

Umso mehr freut es mich, dass ich mich gegenwärtig für das Buch eines grafischen Gestalters einbringen kann. Es ist weit gediehen. Ich bin ziemlich sicher, dass es nicht in die Kategorie «unveröffentlichte Projekte» kommt.

 

Kein Schmetterling, sondern ein künftiger Weidenbohrer

Das wird einmal einer, der zur Ordnung Schmetterlinge zählen wird. Als Weidenbohrer (Cossus cossus) gehört er aber zuerst der Familie der Holzbohrer an © HWR

 

Und wenn zu den «ungeschriebenen Büchern» auch eigene Projekte zu zählen sind, die immer wieder in die Finger genommen werden, dann bleibt ja die Faszination für Neues, Unbekanntes, Inspirierendes lebendig. Und was hier ein prachtvoller Schmetterling ist, ist dort – in der noch nicht geschriebenen Geschichte – vielleicht ein getarnter Holzbohrer, der nach vielen Jahren…

Kann wohl sein, dass nach wenigen Monaten eine andere Geschichte neu geschrieben werden muss...

 

Der russische Bär – was soll das heißen?

Der russische Bär – sieht recht attraktiv aus. Wir lassen uns alle gerne mal täuschen… © HWR

 

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