23. September 2021

 

Es gibt ein Phänomen, das ich noch nicht ergründen konnte. Aber: etliche Freunde oder Verwandte haben schon Ähnliches erlebt. Ich war in einem Pinienwald an der italienischen Toscana-Küste unterwegs. Und plötzlich dachte ich an einen sehr guten Bekannten. Ich hatte lange nichts von ihm gehört. Ich begann zu überlegen, wie alt er jetzt sein mochte. – Dann folgen bald neue Eindrücke, neue Gedanken, «wichtigere» Ereignisse.


Restaurant Blume kurz vor dem Abbruch

Einer dieser geheimnisvollen Pinienwälder an der Küste des tyrrhenischen Meers  / © Helmut W.Rodenhausen

 

Zum Beispiel wandert man auf den Hügel zu einem kleinen Städtchen. Dieses Montescudaio hat nicht nur alte, enge Gässchen und einen Turm, der jedesmal beleuchtet wird, wenn irgendwo auf der Welt eine Regierung die Todesstrafe abschafft. Es gibt auch eine auffällige Besonderheit: Vor zwei Jahren, zu Beginn der Corona-Einschränkungen, begann der italienische Künstler Stefano Tonelli im Ort einfache, schwarz-weisse Illustrationen anzubringen.

Ein fast immer identischer Frauenkopf, ohne Mund. Weit über 300 Zeichnungen sind zu entdecken. Die meisten davon an den Türen von Elektroverteilkästen, welche sich an den Aussenwänden der Häuser befinden.


Restaurant Blume kurz vor dem Abbruch

Immer auf weissem Grund eine einfache Illustration: berührend in der Wiederholung / © Helmut W.Rodenhausen

 

Dann kommen neue Eindrücke bei einer Wanderung durch die Weinberge. Der Fund einer Versteinerung. Ganz ähnlich wie in den Jura-Höhenzügen im Baselland. Hier fand ich vor Jahren eine versteinerte doppelte Muschel und da fand ich eine aufgebrochene austernähnliche runde Muschel. Und tatsächlich, beim Einkauf einiger Flaschen Wein wird uns erklärt, dass diese Höhenzüge geologisch einmal Meeresboden waren.

 

Steinmännchen wieder neu

Faszination der ewigen Kreisläufe: eine versteinerte Muschel aus Montescudaio / © Helmut W.Rodenhausen

 

Ja, dann sind die Ferien vorbei. Wieder zurück zu Hause mache ich als erstes eine kleine Wanderung zum Blauenpass. Hier steht, etwas abseits vom Wald, eine ziemlich alte Birke. Sie ist mir sozusagen ans Herz gewachsen. Ich besuche sie oft, fotografiere sie oft. Sie erinnert mich an die Durchhaltekraft alles Lebendigen in der Natur – und auch an den bevorstehenden Tod.

Dann blättere ich die liegen gebliebenen Zeitungen durch und stosse auf die Todesanzeige von Harry Holzheu. Eben diesen Bekannten, an den ich zufällig im Pinienwald bei Cecina dachte…

 

Steinmännchen wieder neu

Die alte Birke und die Anzeichen des kommenden Herbstes / © Helmut W.Rodenhausen 

 

Harry Holzheu hat mich viel gelehrt. Ich habe manches Jahr mit ihm zusammengearbeitet. Seine begeisterungsfähige Art, seine imposante Erscheinung mit den listigen Augen, dem gewinnenden Lächeln und den bedeutungsvollen Gesten beim Reden: das ist hohe Schule der Rhetorik. Zusammen hatten wir vor einigen Jahren ein Brevier der wichtigsten Grundsätze für freie Reden und Ansprachen herausgegeben. Das Büchlein ist leider vergriffen. Als E-Book kann es jedoch noch immer bestellt werden – https://www.schreibenlassen.ch/index.php/shop


Restaurant Blume kurz vor dem Abbruch

Durch das Weitergeben von Wissen und Kompetenzen kann neues Wissen entstehen…  / © Helmut W.Rodenhausen

 

Jetzt möchte ich noch auf die anfänglich erwähnte Erinnerung im Pinienwald am tyrrhenischen Meer zurückkommen. Was hat es mit diesem Phänomen auf sich? Ist es einer dieser Tausenden von Zufällen, dass wir uns plötzlich – aus heiterem Himmel – an irgendeine Person erinnern? Passiert das vielen Menschen? Wie wird es ausgelöst und: konstruiert man sich selbst dann irgendwelche Zusammenhänge? Ich würde gerne mehr darüber wissen.

 


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