24. August 2021

 

In diesem Fall geht es nicht um das Ende irgendeiner Blume, sondern um dasjenige des Restaurants «Blume». Dessen Tage sind längst gezählt. Ja sogar die Stunden. Bereits wenn diese Zeilen fertig geschrieben sind, wird das ehemalige Gasthaus endgültig verschwunden sein.


Restaurant Blume kurz vor dem Abbruch

Mit Blick über die Friedhofsmauer der Kirche St. Martin: Die «Blume» / © Helmut W.Rodenhausen

 

Die Jahreszahl 1889 steht bzw. stand über dem Türeingang. An meinem neuen Wohnort befand sich diese Gaststätte mit Garten und schattenspendenden Kastanienbäumen mehr als 130 Jahre. Damals bauten sie in der Gemeinde gerade an der Wasserversorgung. Und just seit diesem Jahr weht die Schweizer Flagge.

Im Bundesbeschluss vom 12.12.1889 heisst es: «Das Wappen der Eidgenossenschaft ist im roten Felde ein aufrechtes, freistehendes weisses Kreuz, dessen unter sich gleiche Arme je einen Sechstel länger als breit sind». Wie oft und wie viele Schweizer Fans in der «Blume» mit ihren Wimpeln den Schweizer Bobfahrern und Fussballern zujubelten, ist nirgends erfasst.

 

Steinmännchen wieder neu

Die «Blume» hat ihre letzten Tage gesehen / © Helmut W.Rodenhausen

 

Es ist so eine «Duplizität der Ereignisse», oder einfach gesagt, ein merkwürdiger Zufall, dass mich gerade vor wenigen Tagen eine ehemalige Auftraggeberin anrief. Sie hatte mit ihren Geschwistern zusammen eine Biografie für ihren Vater von mir schreiben und publizieren lassen. Wenige Monate später fand die Gedenkfeier für ihn statt. Er konnte und wollte nicht mehr leben.

«Was, das ist ja schon zehn Jahre her?» – Ich war verblüfft und ein wenig erschrocken. Ist es tatsächlich so, dass die Zeit mit zunehmendem Alter schneller läuft? Dann müssten wir, bzw. alle über 70, je länger je schneller mitsausen. Und an den Friedhofsmauern angekommen wären wir dann im Vollsprint …

 

Steinmännchen wieder neu

Kindergräber im Friedhof. Und dahinter, in neuen Wohnungen, werden bald Enkelkinder ihre Grosseltern besuchen / © Helmut W.Rodenhausen 

 

Zum Glück ist das mit dem verwirrenden Zeitempfinden nur hypothetisches Philosophieren. Und zum Glück gibt es diese total anderen Zeiteinheiten. Auf Wanderungen durch Wälder, an Bachläufen entlang – oder auch in einem Konzert, in Kunstausstellungen und selbstverständlich bei guten Gesprächen mit Freunden.


Restaurant Blume kurz vor dem Abbruch

Hinter alten Zeiten scheint die Sonne schon für einen neuen Tag  / © Helmut W.Rodenhausen

 

Es gäbe so viel zu erzählen, mitzuteilen, aufzumuntern – neben den Hunderten und Tausenden von Meldungen, die als Nachrichten auf den Smartphones erscheinen. Jeder hat doch seine eigene Geschichte – oder kennt die Geschichte seiner Vorfahren – oder möchte sie gerne kennenlernen.

Wir brauchen Geschichten. Sie verbinden uns mit unseren Vorfahren. Am Cholefestival in Beatenberg ist mir das wieder bewusst geworden. Zum Beispiel beim Essen. Hans-Peter Hufenus (Mitinitiator des Festivals) hat genau das in seinem Buch «Urmensch, Feuer, Kochen» in einen spannenden Erzählfluss gebracht.

Nun ja, in der «Blume» kann man  nicht mehr einkehren und Geschichten erzählen. Dann halt im «Rebstock», im «Sternen» oder im «Kreuz». Und selbstverständlich auch im eigenen Garten, am Grill. Somit wären wir wieder beim Stichwort «Holzkohle»...

 


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