2. Oktober 2020

Was man alles so hat, das merkt man erst, wenn man umziehen muss. Oder in meinem Fall, wenn in der Wohnung und im Haus umgebaut wird und anschließend weniger Platz zur Verfügung steht.

Das heißt: weggeben, wegschmeißen, wegschenken. Zum Beispiel Bücher. Wieviele davon habe ich gekauft, um sie stolz ins Regal zu stellen? Jeder konnte dann sehen, wie belesen der Gastgeber sei. Wieviele Bücher habe ich mir zugelegt, um einer alten Liebe zur schönen Buchgestaltung zu frönen?


Nabokov «Erinnerung, sprich»

In einer Vitrine begegnet: ein Nobokov, den wohl keiner haben wollte


Und wie wenige dieser Bücher sind es, die ich nach wie vor haben möchte? Einige davon wahrscheinlich nur, weil ich gar nicht so recht weiß, warum mir das Haben so bedeutungsvoll scheint.

Dann gibt es Tage, da wird einem das Haben oder «die Kunst des Habens» regelrecht ins Bewusstsein gehämmert. Ich brachte also einige Kisten mit Büchern zum «Bücher-Brocky». Ein wenig stolz über meine Leichtigkeit des Nichtmehrhabens besuchte ich anschließend die Zentralbibliothek Luzern.

Nabokov wollte ich kennenlernen, erneut, nach «Lolita» aus der Pubertätszeit. «Das wahre Leben des Sebastian Knight» (eines der dünneren Bände) nahm ich mit.

Beim Rückweg zum Bahnhof begegne ich erneut einem Nabokov. In einer schönen Vitrine, die eigentlich genutzt wird, um Bücher zu tauschen: ausgelesene hineinstellen, gern zu lesende wieder rausnehmen. Nur: die Glasscheibe war mutwillig zerstört, und ein unappetitliches Exemplar von Nabokovs «Erinnerung, sprich» lehnt noch in der Ecke.

Was jene davon hatten, welche die Scheibe zertrümmerten, wo die Türe doch einfach auf- und zuzumachen wäre? Kaum zu glauben, dass sie Bücher haben wollten.


Martin Walser, Zitat, Kapitalismus

Das Zitat von Robert Walser nehme ich mit. Ich verbuche es unter meiner «Haben-Seite»

Der Betreuer (oder die Betreuerin, ich weiß es nicht), welcher die Vitrine anbietet, hat die Scheibe ersetzen lassen. Wenige Tage später sehe ich es. Und ich beachte auch die Zitate, die in den Flügeltüren eingelassen sind. Eines von Martin Walser zum Beispiel: «Die schlimmste Wirkung des Kapitalismus ist, daß man glaubt, alles, was man bezahlen kann, gehöre einem.» – Das lässt sich weitertreiben: «Über alles was käuflich ist, inklusive Beziehungen, dürfe man frei verfügen».

Übrigens: Das ausgeliehene Buch von Nabokov will ich nicht haben. Mit Texten wie «Der Mond ist ein Kind, und das nasse Pflaster ist es, und die Liebe ist ein honigtauschleckendes Baby» kann ich nicht sehr viel anfangen.

Zum Glück ist bei Buchinhalten das Haben nicht so kompliziert. Manche Texte hegt man wie einen Besitz, andere lassen sich schnell vergessen.


Büchervitrine, Bücher zum Mitnehmen

Die Büchertausch-Vitrine sieht auch mit neuer Glasscheibe nicht gerade nach «Habenwollen» aus


Haus zum Gutenberg

Ach ja, das Haus mit der Vitrine heißt «Zum Gutenberg». Früher gab es hier eine feine Buchhandlung – und eine Druckerei