11.12.2015

«Der Mann, den keiner kannte». So lautete vor einigen Tagen eine Schlagzeile in «Die Welt». Den Titel kannte ich. Da gab es einmal einen Film aus den Fünfzigerjahren.

Den Mann, über den berichtet wurde, kannte ich nicht. Die Journalistin wohl vorher auch nicht. Aber doch einige tausend Menschen, die ihm Geld anvertraut hatten. Viel Geld, verlorenes Geld sehr wahrscheinlich. Felix Vossen, so heisst der Mann, den sozusagen keiner kannte, verschwand bis heute spurlos. Ebenso wie die Millionen, die er abgeräumt hat.*



Er wird offenbar fieberhaft gesucht. Das verschwundene Geld ebenfalls.


Da gab es vor einigen Jahrzehnten noch einen, der ähnlich agierte. Den kannte man zumindest in der Schweiz ziemlich gut: Dieter Behring**. Nein, der hat nichts mit der Beringstrasse zu tun. Die schreibt man ohne «h» und ist auch keine Strasse, sondern ein Seeweg, oben zwischen Kap Deschnjow in Sibirien und dem Kap Prince of Wales in Nordamerika.

Dieser Bering wiederum, ein dänischer Kapitän, hatte den Seeweg gar nie richtig befahren. Er starb während einer Kamtschatka-Expedition auf einer unbekannten Insel. Heute heisst diese Insel ebenfalls Bering-Insel.

Mit dabei auf dieser Expedition war ein gewisser Georg Wilhelm Steller. Ein Wissenschaftler, der sich gleichermassen für Tiere, Pflanzen und Menschen interessierte. Nur seine eigene Familie, seine Frau und seine Kinder, sahen ihn kaum. Denn Steller starb auf dem Rückweg von Kamtschatka nach St. Petersburg. Mit 37 Jahren. Ob man ihn kennen muss?




Bering, der nie durch die Beringstrasse fuhr


Oder die Namen von so vielen Menschen. Jene, die leben und jene, die gelebt haben. Grosse Namen für die einen. Unbekannte für die anderen. Ich staune immer wieder über die Geschichten, die zu Tage treten, wenn man mit Menschen näher ins Gespräch kommt. Da ist jemand, der Alphörner baut, früher Restaurator war und in berühmten Orchestern als Posaunist wirkte.

Oder dort jemand, der als Künstler lebt und für grosse Popmusiker Lichtinstallationen entwickelt. In Frankfurt sah ich kürzlich eine Ausstellung von ihm. Den Namen habe ich vergessen. Aber einen Text habe ich mir abgeschrieben:

«Ein Grossteil meiner Arbeiten liegt dem Wunsch begründet, eine bestimmte Empfindung wieder zu spüren – eine Empfindung, die man vielleicht mit der von Kindern vergleichen kann, die zum ersten mal die Welt für sich entdecken. Dieses Gefühl ist sehr schwer zu beschreiben – es geht um eine Art von Wachsamkeit, eine Wachsamkeit oder Aufmerksamkeit, die sich einstellt, wenn man an einen unbekannten Ort kommt. Dieses Gefühl mag ich sehr gerne. Alle Sinne sind aktiv.»

Das ist es vermutlich, was wir Menschen alle irgendwo suchen. Ob im Kick bei Hochstapeleien, ob in der fernen Tundra hoch im Norden beim Entdecken unbekannter Wesen, ob beim Alphornblasen oder beim Gestalten von Lichträumen. Oder beim Schreiben, oder beim Liebesspiel. Wir suchen nach Lebendigkeit.

Nichts ist so spannend wie eine Biografie. Und für mich ist nichts so inspirierend, wie zuzuhören, wenn ein Mensch von diesen Momenten erzählt, den Momenten, wo er mit allen Sinnen ganz im Augenblick gegenwärtig war, den magischen Momenten.

Am Schluss spielt es keine Rolle, ob der Name nicht einmal auf einem Grabkreuz steht und auf keiner Gedenktafel oder doch in den Lexikas und in den Schulbüchern.




Letzten Endes doch noch rausgefunden, wie der Künstler heisst: Brian Eno

Und dann gab es da noch einen Dieter S. Den kannte ich natürlich auch nicht. Über den habe ich in einem Büchlein gelesen. Es heisst «Aus die Maus» und besteht aus einer Sammlung von Todesanzeigen, mit nur kurzen Kommentaren versehen.

Für Dieter S. platzierten einige Bekannte eine Todesanzeige: «...Sein Charme, seine Liebenswürdigkeit und seine absolute Zuverlässigkeit waren jedem bekannt. Wir waren von unseren eigenen Verwandten getrennt, aber durch die benachbarten S. wieder ergänzt.

Mit Dieter gab es nur ein Problem. Nie war er in einem Flugzeug, noch wollte er je fliegen. Wir hofften trotzdem auf einen Besuch in den USA nach unserer Rückkehr aus Deutschland. Am 22. Dezember ist Dieter geflogen. Nach dem Absturz des Oldtimer-Flugzeugs DC 3 waren Dieter und sein Bruder unter den 28 Opfern....»

Auch ein magischer Moment. Besonders für mich, der ich auch einen Dieter S. kenne. Das eine hat mit dem anderen, der eine mit dem anderen nichts zu tun. Dennoch gräbt sich das ein im Gedächtnis.