25.1.2016

Ganz am Ende des letzten Jahres fand ich endlich Gelegenheit, wieder einmal mehr zu lesen. Eigentlich lese ich ja dauernd. Nicht nur, weil ich muss. Wer Bücher konzipiert, coacht und schreibt, muss zwangsläufig alles mögliche dafür lesen.

Ich lese gerne, ich lese sozusagen automatisch fast alles. Sicher gibt es auch einen wissenschaftlichen Begriff für Lesemanie oder Lesesucht.

Über Lesesucht findet man im Internet ohnehin viele Einträge. Offenbar wurde schon Ende des 18. Jahrhunderts vor der Lesesucht gewarnt. «Die Lesesucht ist ein thorigter, schädlicher Mißbrauch einer, der so ansteckend ist, wie das gelbe Fieber in Philadelphia.» So schrieb ein Johann Gottfried Hoche 1794.

Aber dass Lesen so sehr in Auge und Hirn oder Fleisch und Blut übergehen kann, dass man nicht einmal die Buchstabenfolgen richtig identifizieren muss, wusste ich erst seit wenigen Monaten.




Probieren Sie es einmal aus: Schreiben Sie kurze Texte mit vertauschten Buchstaben. Ihre Partnerin, Ihr Partner wird Sie überraschen.


Die Zahl der Bücherlesenden sei allerdings zurück gegangen. Das behaupten die Buchhändler – die müssen es ja wissen. Das heisst, sie können nur über die Zahl der Buchverkäufe reden. Ob die Bücher tatsächlich gelesen werden, wissen sie nicht. Ich gebe zu: ich habe eine grosse Zahl  meiner gekauften Bücher nur angelesen, nicht ausgelesen.

Ob es fatal ist, was der Börsenverein des Deutschen Buchhandels über das 2015 publizierte? Nämlich, dass die Zahl der Neuerscheinungen (also Erst- und Neuauflagen) im 2015 deutlich zurückgegangen ist. Es seien nur noch 87'134 Bücher auf den Markt geworfen worden. (siehe auch Der Weg der Bücher). Vielleicht ist  zu viel «me too» bei den Verlagen dabei. Jeder will in einem Trend auch noch einen Band zum Bestseller machen. Ob das eine Abwandlung vom «Charme im Darm» ist oder eine zusätzliche Edition über die Parallelen des Ersten Weltkrieges zur heutigen Zeit.

Und natürlich wollen alle eine Harry-Potter-Geschichte wiederholen, mit anderen Protagonisten aber mit den gleichen Umsatzzahlen. Und alle bemühen sich, wenn eine Prominenz gestorben ist, noch eine Biografie zu verlegen. Die armen Macher, die über einer weiteren «völlig anderen» David-Bowie-Neuerscheinung schwitzen, beneide ich ganz und gar nicht.

Es müssen auch nicht die ganz ganz neuen Publikationen sein, die berühren, belehren und begeistern. Ich bin unter anderem auf den im 1971 entstandenen Text von Fred Uhlmann gestossen, der 1986 auf Deutsch unter dem Titel «Der wiedergefundene Freund» erschien. So brillant und fühlbar deutlich habe ich die Vorkriegszeit in Deutschland nie erzählt bekommen. Und ebenso zufällig stiess ich auf Seethalers «Trafikant». Dass dieser Roman auch in der Zeit um den Zweiten Weltkriegs spielt, habe ich erst beim Lesen gemerkt.



An der «Kunst des perfekten Timings» bin ich noch am arbeiten. Dieses gelbe «Jetzt!» zwingt mich immer wieder, das Buch in die Hand zu nehmen.


Was ich ebenfalls zuvor nicht gewusst habe, war, dass es ein supergescheites Buch über Zeitplanung im Sinne vom richtigen Zeitpunkt gibt. An diesem «Jetzt» beisse ich mir nicht gerade die Zähne aus. Aber ich könnte mir in den Hintern beissen, dass ich diese Erkenntnisse nicht schon vor meinem letzten Grossprojekt hatte. Dann wäre Manches anders gelaufen.

Das ist bekanntlich realisiert und gelaufen. Da gibt es nur eins: daraus zu lernen. Der gute Churchill hatte schon recht, wenn er sagte, man solle seine Fehler möglichst früh im Leben machen, damit man auch lange genug von den Lernerfahrungen profitieren könne. Was ich profitierte von diesem «Jetzt»-Buch hat auch ganz nebensächliche Folgen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren verliess ich eine – zugegeben äusserst attraktive – Buchhandlung, ohne dass ich etwas gekauft hätte. Weniger ist mehr, wäre das aktuelle Schlagwort dazu. Oder: der richtige Zeitpunkt ist nicht immer «Jetzt».




Wenn ich das nächste Mal in Baden bin, werde ich dort garantiert zum Käufer. Schon wegen dieser Idee, nur gelbe Bücher, egal welcher «Couleur», ins Schaufenster zu stellen.